Die Psychologin Marianne Nolde hat als Gutachterin für Familiengerichte viele Trennungen begleitet. Nun hat sie all ihr Wissen und ihre Erfahrungen in ein Buch gepackt und einen überaus hilfreichen Ratgeber geschrieben. „Eltern bleiben nach der Trennung“ vermittelt Eltern auf einfühlsame und wertschätzende Weise, was es braucht, damit Kinder unter einer Trennung nicht unnötig leiden. Uns gibt sie im Interview Antworten auf einige heikle Fragen.
Liebe Marianne, du bist Psychologin und hast als Gutachterin für Familiengerichte 36 Jahre lang Eltern und Kinder in Trennungssituationen erlebt und begleitet. Du hast aber auch selbst eine Scheidung erlebt. Wie reagieren Kinder, wenn sich die Eltern trennen?
Kinder sind verschieden, und daher gibt es unterschiedliche Facetten. Die Regel ist aber, dass eine Verunsicherung in den bis dahin für selbstverständlich gehaltenen Bindungen eintritt. Je jünger ein Kind ist, umso elementarer ist es auf seine Eltern angewiesen, und entsprechend beängstigend ist der Verlust einer bis dahin für sicher gehaltenen Bindungsperson. Das gilt auch, wenn diese durch die Trennung gar nicht vollständig aus dem Leben verschwindet und sich «nur» die Familienstruktur ändert. Wenn ein Elternteil plötzlich auszieht, steht unterschwellig die Frage im Raum: Könnte nicht der andere plötzlich auch noch gehen und ich ganz allein dastehen? Da ist es eine logische Folge, dass jüngere Kinder nach einer Trennung oft anklammernd reagieren, was zu Missverständnissen führen kann. Heißt es vielleicht, dass das Kind gar nicht von mir weg und zum anderen hin will, weil ihm da etwas nicht gut tut? Möglich ist das zwar, aber häufiger ist es Ausdruck der situationsbedingten Trennungsangst. Da ist die Lösung dann nicht, den Kontakt zum anderen zu minimieren, sondern für das Kind überschaubare Betreuungsregelungen und Rituale zu finden, die ihm neue Sicherheit bieten.
Es ist normal und gesund, dass Kinder nach der Trennung trauern, denn Trauer ist dazu da, einen erlebten Verlust zu verarbeiten. Trauer kann auch erst nach einiger Zeit oder immer mal wieder auftreten, und es reicht völlig aus, wenn man den Kindern Raum dafür gibt und mitfühlend bei ihnen ist. Das gelingt leichter, wenn man sich nicht ständig schuldig daran fühlt, ihnen die Trennung zugemutet zu haben, die in der Regel alternativlos war. Das Zusammenleben mit unglücklichen Eltern ist für Kinder schließlich auch nicht einfach.
Je nach Typ und Entwicklungsphase des Kindes oder Jugendlichen können die Reaktionen unterschiedlich ausfallen, das Kind kann eher in sich gekehrt oder rebellisch reagieren, und Jugendliche kaschieren ihre Verunsicherung womöglich mit besonderer Coolness und verstärkter Hinwendung zur Peergroup. Für alle ist es hilfreich, wenn sich neue Wege finden, die bisherigen Bindungen weiterhin leben zu können und «eine neue Sicherheit» zu finden.
Wichtig ist aber gleichzeitig zu sehen: Nicht alles, was nach einer Trennung ein Kind belastet, ist auf die Trennung zurückzuführen. Auch Kinder in zusammenlebenden Familien wachsen ja nicht ohne Belastungen auf. Ich stimme Remo Largo zu, dass es glückliche Scheidungskinder gibt. Unsere erwachsenen Kinder haben unser Familienmodell erklärtermaßen positiv erlebt.
Du schreibst in deinem Buch «was das Trennungskind dringend braucht, ist Ihr Einverständnis, dass es weiterhin beide Elternteile lieben darf.» Was braucht es dazu von den Eltern?
Wenn ein Kind regelmäßig erlebt, wie sehr der eine Elternteil unter dem anderen leidet und ihm oder ihr die Schuld an der Trennung und dem eigenen Unglücklichsein zuweist, dann fühlt es sich wie eine Kränkung und Verletzung dieses Elternteils an, wenn man Sehnsucht nach dem anderen zum Ausdruck bringt. Dann mag ein Kind nicht mehr offen zeigen, dass es ihn oder sie noch liebt, vermisst und gemeinsame Zeit mit ihm oder ihr genießt. Wenn ich noch in dieser Kränkung feststecke, kann ich dafür sorgen, dass ich zum Beispiel durch eigene professionelle Begleitung mit meinen Gefühlen wieder ins Reine komme – das habe ich sogar als Fachfrau damals so gemacht – und meinem Kind bis dahin schon einmal vermitteln, dass ich trotz meiner eigenen Trauer wirklich möchte, dass es den anderen nicht verliert und ich ihm die Zeit mit ihm oder ihr gönne. Die bloße Frage, ob es zum anderen Elternteil möchte, oder die Aussage, dass die Entscheidung ganz ihm überlassen bleibt, versteht ein Kind womöglich als Aufforderung, seine Loyalität zu bekunden und sich das gerade nicht zu wünschen. Je selbstverständlicher es ist, dass die bestehenden Bindungen fortgesetzt werden (ausgenommen natürlich Fälle von Kindeswohlgefährdungen), umso freier von Loyalitätskonflikten kann ein Kind weiter den Kontakt mit beiden genießen. Es ist übrigens nicht immer nur ein Elternteil, der das Kind in Loyalitätskonflikte verwickelt, das kann auch von beiden gleichermaßen ausgehen.
Du weist in diesem Zusammenhang auch auf den Begriff der Bindungsfürsorge (Temizyürek, 2014) hin. Kannst du kurz erklären, was damit gemeint ist?
Als Teil der Erziehungseignung wird von Familiengerichten nach der Bindungstoleranz gefragt. Damit ist gemeint, dass Eltern der Bindung ihres Kindes zum anderen Elternteil nicht im Wege stehen sollten. Tun sie das, ist es quasi ein Minuspunkt in Bezug auf ihre Erziehungseignung. Mir hat gut gefallen, als Temizyürek stattdessen den Begriff der Bindungsfürsorge geprägt hat, der ein aktives Fördern der Bindung ausdrückt. Toleranz hat leicht den Beigeschmack von Hinnehmen, was einem eigentlich gar nicht so gefällt. Das kann bedeuten, dass ich meinem Kind sage, es soll ruhig das Wochenende bei Papa verbringen, während meine Mimik und Gestik ausdrücken, dass ich das eigentlich schlimm finde. Das ist klassisches «Doublebind». Das Kind weiß dann nicht, wie es reagieren soll, ob es sich an die verbale Botschaft halten soll oder lieber an die nonverbale, die das Entgegengesetzte aussagt. Fürsorge dafür tragen heißt hingegen: Ich bin überzeugt davon, dass diese Bindung für unser Kind wichtig ist, und ich kümmere mich aktiv darum, dass es sie leben kann. Zum Beispiel, indem ich mich mit dem anderen Elternteil so gut es geht verständige, oder, wenn das noch zu schwer ist, dafür sorge, dass eine Person die Übergabe begleitet, die das neutraler und ohne emotionalen Aufruhr schaffen wird.
Manchmal hört man von Elternteilen nach einer Trennung, dass das Kind den Vater oder die Mutter gar nicht vermisse und man gut ohne zurechtkommt. Was hältst du von dieser Aussage?
Abgesehen von den Fällen, in denen das Kind nach traumatischen Erfahrungen tatsächlich durch eine Distanz zum anderen Elternteil erleichtert ist, sehe ich das eher kritisch. Ich habe zu oft erlebt, dass Kinder aus Rücksicht auf den hauptsächlich betreuenden Elternteil ihre Gefühle und Sehnsüchte nicht zum Ausdruck gebracht haben. In der Regel ist der andere Elternteil eine wichtige Bezugsperson, selbst wenn er oder sie sich vielleicht nicht so eingebracht hat, wie es sich der jeweils andere gewünscht hätte. Wenn ein Kind die Trennung von einer Bindungsperson ungerührt hinnimmt, würde ich mir eher Sorgen um seine Bindungsfähigkeit machen oder mich fragen, ob es nur nicht wagt, mich mit seinen Gefühlen zu belasten, wenn ich selbst gerade von der Trennung noch so mitgenommen bin.
Es ist ein gutes Zeichen, wenn ein Kind nach der Trennung wagt, beiden Eltern noch seine Gefühle offen zu zeigen, und dazu gehört eben auch, sagen und zeigen zu dürfen, wenn man gerade den anderen heftig vermisst. Als Elternteil kann ich das als Vertrauensbeweis ansehen statt als Kränkung oder Zurückweisung.
Viele Menschen fühlen sich nach einer Trennung tief gekränkt und werten den Partner oder die Partnerin ab – auch vor dem Kind. Was bedeutet das für das Kind?
Das Kind stammt ja von diesem Partner ab, hat Ähnlichkeiten mit ihm und meistens auch eine Bindung. Diese Abwertung zu erleben, schadet dem Selbstwertgefühl und kann dazu animieren, einen Teil von sich selbst zu unterdrücken – den unerwünschten, der mit dem anderen Elternteil in Verbindung gebracht wird. Die Erlaubnis, beide Eltern lieben zu dürfen, ist bei so einer Abwertung nicht gegeben, denn wie soll man jemanden lieben, der oder die offensichtlich «schlecht» ist und den Elternteil, bei dem man sich gerade aufhält, so gekränkt hat. Entweder entwickelt das Kind dann eine Art Doppelleben und verbirgt vor einem oder beiden Eltern, dass es den oder die andere trotzdem weiterhin sehr mag, oder es solidarisiert sich irgendwann eindeutig mit einem und distanziert sich vom anderen, weil es diesen Spagat nicht mehr aushält.
Es kommt leider immer wieder vor, dass Elternteile, in den allermeisten Fällen sind es Väter, die Familie verlassen und kein oder kaum Interesse an ihrem Kind bekunden. Was würdest du Müttern in einer solchen Situation raten?
Von einem Elternteil ganz oder weitgehend verlassen zu werden, ist eine Belastung für das Selbstwertgefühl des Kindes. Es kann zu Zweifeln führen, ob und wie sehr man überhaupt liebenswert ist. Dann sind andere Menschen wichtig, die dem Kind Liebe und Zuwendung geben und im Alltag «beweisen», dass es auf jeden Fall liebenswert ist. Wenn es konkrete Gründe gibt, die in der Person des abwesenden Elternteils liegen (z.B. schwerwiegende eigene Probleme, die ihn oder sie daran hindern, sich um das Kind zu kümmern), würde ich das dem Alter des Kindes entsprechend erklären, denn auch das zeigt auf, dass es gar nicht an ihm liegt. Nicht hilfreich finde ich, das mit bitterer Kritik und Abwertung zu verbinden, weil es ebenso das Selbstwertgefühl des Kindes stören kann, wenn es erfährt, dass es von einem Menschen abstammt, über den sich gar nichts Gutes sagen lässt. Irgendetwas Gutes gibt es immer. Dass er oder sie dazu beigetragen hat, dass es dieses Kind überhaupt gibt, das kann ich als Mutter oder Vater ja immer noch gut finden.
Ratsam ist gerade für Alleinerziehende, die sich nicht auf Unterstützung eines weiteren Elternteils verlassen können, sich ein Netzwerk aufzubauen, sei es innerhalb der Familie oder im Zusammenschluss mit anderen Alleinerziehenden, um der Gefahr der Überlastung entgegenzuwirken. Und, ganz wichtig: So sehr zurecht betont wird, dass Bindungen zu beiden Eltern wünschenswert sind, hat auch das alleinerzogene Kind jede Chance auf ein glückliches, gelingendes Leben. Wenn nur diese Option zur Verfügung steht, dann ist es eben die bestmögliche Lebenssituation und die passende Familie für dieses Kind.
Liebe Marianne, vielen Dank für das Gespräch!
Das Buch „Eltern bleiben nach der Trennung“ gibt es in jeder Buchhandlung oder direkt bei Amazon (einfach auf das Cover klicken):












