Mit Nathalie Klüver, Autorin des Buches „Die Kunst, keine perfekte Mutter zu sein„, sprechen wir darüber, weshalb heute so viel Druck auf Müttern lastet und was nötig ist, damit man nicht ausbrennt.
Liebe Nathalie, du hast ein Buch geschrieben mit dem Titel „Die Kunst, keine perfekte Mutter zu sein. Für gerade noch nicht ausgebrannte Mütter“. Wie kam es dazu, dass du dieses Thema aufgegriffen hast?
Als ich das Vorgängerbuch „Willkommen Geschwisterchen“ schrieb, war ich kurz vor einem Burnout. Der Abgabetermin näherte sich, ein Kind wurde krank, ein Zeitschriftenartikel musste ebenfalls fertig werden, ein Interviewpartner sprang ab und mein Terminplan wurde völlig auf den Kopf gestellt. Mit einem Piepen im Ohr fing es an und wurde zu einem furchtbaren Tinnitus. Und da war mir klar: Ich muss etwas ändern. So ging es nicht weiter. Ich stand kurz vor dem Burnout und hatte sämtliche Alarmzeichen meines Körpers missachtet, bis der nicht mehr weiterwusste und mir mit dem Tinnitus eine Art letzte Warnung schickte. Das brachte mich auf die Idee, ein Buch darüber zu schreiben, wie man als Mutter keinen Burnout bekommt, mehr Zeit für sich selbst findet und wie man Auszeiten gestalten kann.
Das war die erste Idee des Buches – beim Recherchieren wurde mir dann klar, dass ich zu dem Buch auch ein Teil gehört, wieso Mütter eigentlich so unter Strom stehen, woher der Druck auf die heutige Müttergeneration eigentlich kommt, was der Übermutter-Mythos damit zu tun hat, welche Rolle die sozialen Medien spielen und wie egoistisch Mütter heute eigentlich sein dürfen und müssen.
„Wie haben wir das früher alles geschafft?“ – von der jetzigen Großeltern-Generation kommt oft der Vorwurf, die Frauen seien heute verwöhnt und jammerten ständig – früher sei es ja auch mit fünf oder sechs Kindern und ohne moderne Haushaltshilfen gegangen. Was sagst du dazu?

Nathalie Klüver – eine ganz normale Mama
Mal ganz einfach gesagt: Früher war mehr Dorf als heute. Noch nie war eine Müttergeneration so alleinegelassen wie heute – und gleichzeitig so unter Beobachtung und Druck, die Dinge perfekt zu erledigen. Das Netzwerk war früher ein anderes, die Unterstützung durch die eigenen Eltern, Tanten, Großeltern, Schwestern oder Freundinnen war ausgeprägter.
Dazu kommt, dass Kinder heutzutage immer mehr „Projekten“ gleichen: Eltern haben sich noch nie so viele Stunden am Tag um ihre Kinder gekümmert. Früher schickte man die Kinder zum Spielen vor die Tür, alle Geschwister zusammen mit den Nachbarskindern – und zum Abendessen kamen sie nach Hause. Da war nichts mit Fahrten zum Schwimmverein, Musikunterricht und stundenlangen Rollenspielen am Kaufmannsladen.
Und Punkt drei: Frauen von heute sind meist berufstätig und immer mehr auch ganztags. Sie haben nicht mehr nur Haushalt und Kinder, sondern dazu auch noch ihren Beruf. Wir müssen heute mit mehr Bällen jonglieren. Der letzte Ball, der dazu kam – und der nicht unerheblich ist: Uns redet heute nicht nur die Nachbarschaft in die Erziehung rein, sondern das ganze Internet. Gerade durch die sozialen Medien ist der Druck durch das – oft auch unbewusste- Vergleichen noch einmal gestiegen.
Du sprichst das Vergleichen sowie das Nachmittagsprogramm der Kinder an: Wie viel des Drucks, den Mütter heute empfinden, ist „hausgemacht“? Und wieviel kommt tatsächlich von außen? Was ist deine Meinung dazu?
Es ist eine Mischung und beides bedingt sich gegenseitig. Zum einen bekommen Mütter ihr erstes Kind immer später – und das immer bewusster. Durch die Pille wurde das Kinderbekommen planbar und geschah nicht mehr einfach so. Und dieses geplante Kind soll dann auch bitte schön „gelingen“, also die bestmöglichen Chancen bekommen und möglichst perfekt sein. Das ist eine Art gesellschaftlicher Druck, der aber auch hausgemacht wird. Aber der größte Teil des Drucks kommt von außen. Einen großen Teil spielen dabei die sozialen Medien, allem voran Instagram, wo diese stylischen Instamamas ihre perfekten Kinderzimmerträume in Pastell zeigen, die Ton in Ton gekleideten Kindern, deren Klamotten nie auch nur einen Fleck haben und mit pädagogisch wertvollem Holzspielzeug spielen. Die Instamamas selbst strahlen in die Kamera, ordnen sorgfältig ihre Obstmandalas und stechen das Brot in Sternchenform für die Brotboxen aus – während man selbst im fleckigen Schlafanzug in der Küche steht und gegen Geschirrberge kämpft.
Früher wurden uns solche Bilder nur von Stars und Sternchen in Homestorys von Zeitschriften präsentiert und da wussten wir, dass die Bilder erstens arrangiert sind und so ein Leben nur mithilfe von Nannys, Fitnesstrainern, Haushälterinnen und Köchinnen möglich war. Die Instamamas von heute suggerieren, dass sie die Freundin von nebenan seien und so ein Leben ganz nebenbei managen. Das erzeugt Druck: „Wenn die das schafft, wieso schaffe ich das nicht?“
Wir müssen uns immer wieder bewusst machen: Die sozialen Medien zeigen nur einen Ausschnitt. Es ist nicht das wahre Leben, egal, was man uns weismachen möchte.
Wenn man diesen Druck anspricht, heisst es oft: „Du musst deine Erwartungen an dich runterschrauben, dir auch mal eine Pause gönnen und positiver denken.“ Genau solche Forderungen setzen perfektionistisch veranlagte Menschen aber oft zusätzlich unter Druck, weil es ihnen nicht gelingt, das umzusetzen. Was hilft dann?
Niemand ist perfekt. Und niemand muss perfekt sein. Schon gar nicht müssen wir perfekt unperfekt sein! Was hilft, ist für sich selbst Prioritäten zu setzen: Was ist mir wirklich wichtig? Das ist ja bei jedem etwas anderes. Mir ist ein aufgeräumter Haushalt wirklich nicht wichtig. Aber wer sich im Chaos nicht wohl fühlt, für den ist es keine Option zu sagen „ich kümmere mich weniger um den Haushalt“. Es geht also darum, herauszufinden, was einem wirklich wichtig ist. Dazu gehört auch das Ausmisten von Dingen, die keine hohe Priorität haben, die einem nicht gut tun. Das sind nicht nur konkrete Dinge, sondern auch Termine – und auch Menschen, die einem nicht gut tun.
Viele Menschen sind tatsächlich sehr belastet. Beispielsweise alleinerziehende Elternteile, die arbeiten müssen und sich oft auch keine bezahlte Hilfe leisten können. Welche konkreten Möglichkeiten siehst du in solchen Situationen, um den Alltag zu entschleunigen und für mehr Ruhe zu sorgen?
Wir Eltern brauchen Netzwerke. Das Mehr an Dorf, das es früher gab, müssen wir uns selbst aufbauen, am besten von Anfang an. Freundinnen, Eltern von befreundeten Kindern, die eigenen Eltern, Nachbarn: Es gibt viele Möglichkeiten, das Dorf zu erweitern. Dabei sollten wir uns immer klar machen: Es ist kein Zeichen von Schwäche, um Hilfe zu bitten! Im Gegenteil. Mütter, die an sich selbst und ihre eigenen Bedürfnisse denken, sind nicht egoistisch. Es ist so wie bei der Sauerstoffmaske im Flugzeug, die man erst sich selbst und dann mitreisenden Kindern aufsetzt.
Kleine Zeitinseln für uns selbst schaffen ist also auch Fürsorge für die Kinder. Für diese Zeitinseln kann man beispielsweise eine Freundin bitten, mit dem Baby im Kinderwagen spazieren zu gehen. Oder eine Nachbarin fragen, ob sie etwas aus dem Supermarkt mitbringt, so dass man selbst nicht los muss. Oder eine Mutter aus dem Kindergarten bitten, das Kind mit nach Hause zu nehmen.
Was ebenfalls wichtig ist, sind kleine ritualisierte Momente, um Kraft zu tanken. Morgens eine Viertelstunde eher aufstehen und in Ruhe den Kaffee trinken, bevor man die Kinder weckt. Auf dem Weg von der Arbeit zur Kita einen Spaziergang machen, statt sofort das Kind abzuholen, wenn die Betreuungszeiten es zulassen.
Auch mit unseren Kindern können wir Ruheinseln schaffen. Hier helfen ebenfalls Routinen und Rituale, wie zum Beispiel nach dem Abholen aus dem Kindergarten erst einmal in Ruhe zusammen Kaffee und Kakao zu trinken und etwas Süßes zu essen. Da kommen alle runter und stärken sich für die zweite Tageshälfte. Kinder brauchen auch keine Rundum-Bespaßung! Im Gegenteil, wenn wir ihnen ein wenig Langeweile gönnen, werden sie erst so richtig kreativ.
Übrigens gibt es auch viele kostenlose Hilfsangebote für Mütter, in Deutschland zum Beispiel über die Frühen Hilfen.
Was sind deine drei Lieblingsstrategien, die du selbst nutzt, um im Familienalltag Druck rauszunehmen?
Ritualisierte Pausen: Bevor ich anfange zu arbeiten, trinke ich in Ruhe meinen zweiten Kaffee. Bevor ich Feierabend mache, trinke ich noch einen Kaffee, ganz in Ruhe. Ich baue mir möglichst viele kleinen Ruheinseln in den Alltag ein. Die müssen nicht lang sein, aber sie tun gut und laden die Akkus auf.
Prioritäten setzen: Das ist bei mir eindeutig nicht der Haushalt! Ich sage mir immer: Auf was möchte ich mit 80 zurückschauen? Auf den stets blank geputzten Fußboden oder auf ein Leben voller schöner Momente? Ich kann nicht alles schaffen – und muss es auch nicht. Und auch die eigenen Ansprüche habe ich heruntergeschraubt. Dazu gehört auch, dass es für mich ok ist, wenn die Kinder auch einfach mal eine Stunde fernschauen!
Den Nachmittag entrümpeln: Ich habe unsere Nachmittagsaktivitäten konsequent auf den Prüfstand gestellt, die Kinder müssen nicht alles an Kursen mitnehmen, was es gibt. Termine lege ich immer mit Zeitpuffer, um Hetzen zu vermeiden. Mindestens ein Nachmittag in der Woche bleibt völlig frei von Terminen – Zeit, um auch mal gemütlich herumzugammeln.
Yoga: Das ist für mich das Krafttanken schlechthin. Zumindest ein paar Sonnengrüße versuche ich jeden Tag unterzubringen.
Nathalie Klüver ist Autorin, Journalistin und Mama zweier Söhne und einer Tochter. Sie schreibt regelmässig auf ihrem Blog „Eine ganz normale Mama„. Sie hat mehrere Bücher veröffentlicht, darunter auch ein Kochbuch für nicht perfekte Mütter.












